St. Katharinen-Kirche zu Probsteierhagen

“Wenn du zum Hause Gottes gehst, so komme, dass du hörest.”
(Predíger 4,17)

 

Liebe Besucherin, lieber Besucher,
die Kirche in Probsteierhagen ist ein Ort des Gebets und des Gotteslobes. Sie ist ganzjährig geöffnet, in den Sommermonaten besonders lange von 9 Uhr bis 18 Uhr. Wir laden Sie sehr herzlich ein,  in ihr zu verweilen.  

Im Jahre 1259 wurde unsere der heiligen Katharina geweihte Kirche erstmals urkundlich erwähnt. Die historischen Nachrichten über die Kirche beginnen dann erst wieder im späten Mittelalter. 1463 gewährte der Lübecker Bischof Albert all denen einen Ablass, die ihr Gebet vor dem Bild der heiligen Anna verrichteten (das es damals in unserer Kirche gab), und von 1466 bis 1524 wurde durch Ablassbriefe um Geldspenden für den Bau einer Kapelle, Reparaturen an der Kirche und zur Errichtung eines Altars gebeten.  

Ursprünglich war die Kirche ein schlichter Feldsteinbau (außen noch zu sehen an Nord- und Ostwand) mit einem Holzschindeldach. 1624 wurde ein ganz aus Holz errichteter Glockenturm angebaut, der aber 1757 durch Blitzschlag schwer beschädigt wurde und wegen Baufälligkeit im Jahre 1785 abgerissen werden musste.

Ihr heutiges Aussehen erhielt die Kirche im Wesentlichen durch umfangreiche Baumaßnahmen in den Jahren 1785 – 1788.  Der Landesbaumeister Johann Adam Richter ließ das   Kirchenschiff verlängern,  den Seitenflügel anbauen und veranlasste den Neubau des steinernen Turmes.  

                                       

Im Turm befinden sich drei Glocken, von denen die älteste 1750 von dem bedeutenden Glockengießer Laurentz Strahlborn in Lübeck gegossen wurde. Sie ist heute wohl die letzte Läuteglocke aus dieser Werkstatt. Die beiden anderen Glocken wurden von der Gießerei Gebrüder Bachert in Karlsruhe 1964 durch einen Neuguss aus einer Patenglocke aus Wigandsthal/Schlesien gegossen. Diese hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in der St. Katharinen-Kirche eine neue Heimat gefunden.  

                  

Das älteste Ausstattungsstück unserer Kirche ist die Bronzetaufe. Sie wurde im Jahre 1457 zu Ehren der heiligen Katharina gegossen und stammt vom Glockengießer Ghert Klingher, der sowohl in Bremen als auch in Lübeck eine Gießerei betrieb.
Sie trägt Verzierungen mit einer Golgathagruppe, Johannes dem Täufer, Maria mit dem Jesuskind und der heiligen Katharina und die folgende Inschrift:
„ik bin ghe ghoten an sunte
Katarinen ere do her johan kremer vas to den kerstenhaghen kerckhere ano dni m cccc LVII“  („Ich bin gegossen zu St. Katharinen Ehre als Herr Johann Kremer in Kerstenhaghen Kirchherr war. Anno domini 1457.“)  

           

Der spätbarocke Schnitzaltar, der als Hauptwerk des Akanthusbarock im Lande gilt, wurde 1695 von Theodor Allers gefertigt und beherrscht in seiner monumentalen Größe den Chorraum. 
Der Aufbau ist zweistöckig, ohne Predella und Flügel, und steht auf einem alten Backsteinstipes. 
Zwischen je zwei Säulen befinden sich Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Sehr ansprechend sind die Reliefdarstellungen aus der Passion Christi: Jesus betend im Garten Gethsemane und der von Pilatus zur Schau gestellte Christus („Ecce homo - Seht, welch ein Mensch!” - vgl. Joh. 19,4-5). Diese Darstellungen bringen das „Ja, Vater” des  Gottessohnes zum Ausdruck, durch sein Opfer das Werk der Erlösung zu vollbringen. Ganz oben ziert den Altar eine Strahlenkrone mit den hebräischen Buchstaben für den alttestamentlichen Gottesnamen „Jahwe” („Ich bin, der ich bin“ oder „Ich bin da“).

               

Die spätgotischen Altarleuchter wurden 1690 gefertigt.

Das Altargitter, 1722 von Marx Dahl aus Spolsau geschmiedet, stiftete der damalige Preetzer Klosterprobst und Gutsherr auf Hagen, Wulf Blome. Es besitzt rundbogige Türflügel und ist mit reichen Regenceformen und zwei
Wappen der Familie Blome dekoriert.
 

                          

Die ausdrucksvolle Gestaltung des Chorraumes zählt zu den schönsten spätbarocken Kirchenausschmückungen in Schleswig-Holstein. Sie ist wohl von dem oberitalienischen Stuckateur Carlo Enrico Brenno um 1710 geschaffen worden und weist eine reiche und zierliche Stuckatur mit vielen figürlichen Darstellungen auf. Das fein getönte Gewölbe gibt den Blick in den offenen Himmel frei, der von der in der Mitte in einer Glorie herabschwebenden stuckierten Taube belebt wird, die die Gegenwart Gottes im Heiligen Geist symbolisiert. Umrahmt wird der Himmel von musizierenden Engeln.  

                       

Zu gleicher Zeit wurde auch die Grabkapelle an der Nordseite des Chorraumes errichtet. Hier ruhen viele Angehörige des Grafengeschlechts von Blome, das seinen Sitz im Herrenhaus Hagen hatte.
Auf dem Volutengiebel des Gruftportals stehen Putten, rechts mit Sinnbildern des vergänglichen Lebens (Anker und Tod, dazwischen Stundenglas und Kerze) und links mit Sinnbildern des ewigen Lebens  (Kreuz und Rose, dazwischen der Zirkel). In der Mitte symbolisieren zwei Füllhörner, eines gefüllt mit Früchten und Blumen, das andere mit Gold und Edelsteinen, das irdische Reich, über dem sich das himmlische Reich als Paradiesgarten erhebt. Darunter steht in einer Kartusche die lateinische Inschrift aus goldenen Buchstaben auf schwarzem Grund: 
„Domine in iustitia videbo faciem tuam satiabor cum excitatus fuero in imagine tua Psalm XVII V.15“ („Ich aber will schauen dein Antlitz, Herr, in Gerechtigkeit, ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde“, Psalm 17,15).  

   

Die Holzkanzel mit Treppe an der Nordseite wurde 1716 in schwerem, prunkendem Barock von Meister Ehler Brockmann gestaltet. Sie ist streng gegliedert durch gekuppelte Säulen am Korb und einzelne Säulen am Aufgang. Zwischen den Säulen  stehen in Nischen Apostelfiguren, die am Treppenaufgang von besserer Qualität sind und von anderer Hand stammen als die am Korb. Die beiden untersten Figuren am Aufgang wurden nach einem Diebstahl im Jahre 1975 frei nach Bildvorlagen ergänzt. Auf dem Schalldeckel stehen abwechselnd Engel mit Leidenswerkzeugen und vergoldeten Vasen. Sie bilden einen Halbkreis um die Mittelfigur des Gotteslammes mit Kreuzesfahne.  

                

Im vorderen Gestühl befinden sich zwei Bänke, deren Wangen alte Wappen mit Namen tragen: “Christopher Powiske (Pogwisch) B S 1599” und “Fruw Margrete Powiske  S S D 1599.”

               

                 
Das Grafengestühl, das ursprünglich gegenüber der Kanzel auf Säulen stand, wurde 1952 entfernt. Aus den Wänden und den zu öffnenden Fenstern wurde die Abtrennung des Seitenflügels gefertigt.

Im Seitenflügel befanden sich früher Kirchenbänke, die mit Blickrichtung zur Kanzel hin ausgerichtet waren. Das außen noch sichtbare Portal auf der Südseite des Anbaus wurde für einige Zeit als Haupteingang genutzt. Durch die Abtrennung des Seitenflügels wurde ein eigenständiger Raum, die sogenannte „Winterkirche“ geschaffen. 

       
Der kleine Altar in der Winterkirche wird eingerahmt von dem Kunstobjekt „23 Weggefährten“, das der Kieler Textil-Designer Klaus Meier-Lürsdorf im Jahr 2002 geschaffen hat. Wegen der flexiblen Holzbestuhlung eignet sich die Winterkirche besonders für Meditationsabende, Andachten und besondere Abendmahlfeiern. Zwischen Neujahr und Palmsonntag finden hier auch die Sonntagsgottesdienste statt.

Zur musikalischen Ausstattung der Kirche gehören ein Grotrian-Steinway-Klavier sowie neben der historischen Orgel eine Truhenorgel. 
Die Truhenorgel wurde
1999 von der international renommierten und auf den Bau historischer Tasteninstrumente spezialisierten Firma Henk Klop aus Garderen (Niederlande) erbaut. Sie steht in der sog. „Da Lleno-Tradition“, d.h. alle Pfeifen sind aus Holz gefertigt. Sie ist mit ihren 7 Registern, den geteilten Schleifen und einem angehängtem Pedal großzügig disponiert und erfreut mit ihrem warmen Klang in Gottesdienst und Konzert als Solo- und Begleitinstrument gleichermaßen
Erste Nachricht über das Vorhandensein einer Orgel in der Kirche gibt es aus dem Jahre 1623. Diese erste Orgel war aber offensichtlich eher minderwertig, denn bereits 1640 ist eine Reparatur durch einen unbekannten Meister für die damals hohe Summe von 450 Reichsthalern nachzuweisen.
 

   

1670 wurde das bedeutendste und wertvollste Instrument der Kirche geschaffen, die historische Barockorgel. Aus den Kirchenbüchern ist ersichtlich, dass der Organist aus dem benachbarten Schönberg im gleichen Jahr drei Reichsthaler für die „Abnahme” der Orgel erhielt. Aufzeichnungen über den Orgelbauer sowie den Preis der Orgel fehlen allerdings. Es ist davon auszugehen, dass die Orgel von einem unbekannten Gönner gespendet wurde.
Schon 1636 war in der St. Katharinen-Kirche ein Organist tätig. In den Kirchenbüchern findet sich eine Eintragung, dass „die hochwohlgeborene Barbara Sehested, Priörin des adligen Klosters Preetz der Kirche zum Hagen guthwillig vermacht 100 Reichsthaler, davon dem Organisten zu Wein auf dem Altar jährlich die Zinsen davon dem Organisten zu Wein auf dem Altar jährlich die Zinsen von den Kirchgeschworenen entrichtet werden sollen.“

Der erste namentlich bekannte Organist hieß Bartram Daren.  Er wirkte in dieser Kirche von ca. 1660 -1673.

Bei einer Orgelrestaurierung im Jahr 1985 wurde in einer Windlade eine Urkunde gefunden, in der der damalige Klostervoigt Diederich Siering im Jahr 1788 niedergeschrieben hat, dass die Orgel im Rahmen der Verlängerung des Kirchenschiffs und des Turmbaus 1785 durch den Orgelbauer Mittelheuser aus Wilster ausgebaut, repariert und 1788 wieder eingebaut wurde. Die Priörin des Preetzer Klosters, Frau Clarelia Dorothea von Rantzouwen, übernahm alle Kosten dieser aufwändigen Umbau- und Renovierungsarbeiten.

1876 berichtet der Orgelrevisor Cirsovier: “Die gedachte Orgel ist ein sehr altes, ursprünglich recht gut gearbeitetes Werk und höchst reparaturbedürftig.” Für die durchzuführenden Restaurierungsarbeiten schlug er verschiedene, dem damaligen Geschmack entsprechende Dispositionsänderungen vor, die aber nie zur Ausführung kamen. So blieb die Grundsubstanz der Orgel glücklicherweise bis in unsere Zeit erhalten. Allerdings wurde auch unsere Orgel 1917 vom „Prospektmord der Heeresverwaltung” getroffen: Die
Prospektpfeifen aus Zinn wurden eingeschmolzen und für Kriegszwecke verwendet. Sie wurden durch silberbronzierte Holzlatten ersetzt, die erst 1960 bei der grundlegenden Restaurierung durch hochwertige Zinnpfeifen ausgetauscht werden konnten. Der Orgelbauer Heinz Hoffmann hat 1980 die historische Balganlage wieder in den Originalzustand zurückversetzt. Sie kann bei Stromausfall auch heute noch manuell bzw. per pedes bedient werden, wovon schon mit Freude Gebrauch gemacht wurde. Die bisher letzte Generalüberholung und –reinigung wurde im Jahr 2000 durchgeführt. Bei dieser Gelegenheit wurden einige schadhaft gewordene und unbrauchbare Pfeifen aus dem Register „Scharff“ des Rückpositivs entfernt und durch neue Pfeifen ersetzt. Außerdem erhielt die Orgel eine Temperatur (Stimmung) nach Neithard (1728).  

Disposition der Orgel
I. Manual, Rückpositiv (CDEFGA-c’’’)

Gedact 8’ (1670)

Principal 4’ (1960)
Sesquialtera 2f (1670)
Octav 2’ (1670)
Scharff 3f (1960)
Dulcian 8’ (1670)
Cymbel Stern, Bocktremulant  

II. Manual, Hauptwerk (CDEFGA-c’’’)
Principal 8’ (1960)
Quintatön 8’ (1670)
Octav 4’ (1670)
Rohrflöte 4’ (1670)

Rauschpfeife 2f 2’ + 2 2/3’ (1670)
Quinte 5 1/3’ (1670)

Mixtur 4f (1670)
Trompet 8’ (1670)  

Pedal (CDE-d’):
Subbaß 16’ (1670)
Principal 8’ (1960)
Octav 4’ (1670)
Mixtur 4f (1960)
(„Noli me tangere“)
Dulcian 16’ (1670)
Trompet 8’ (1670)
Cornet 2’ (1960)
(„Noli me tangere“)

Calcanten Glocke

Koppel Rückpositiv/Hauptwerk

Bocktremulant Rückpositiv in 2 Stufen
3 Sperrventile
4 Keilbälge mit Tretanlage
Winddruck: 60 mm WS
Tonhöhe: bei 18° C  g’=429 Hz,
entspricht etwa a’= 482
Temperatur: Neithard (1728)  

Über Jahrhunderte hinweg wurde unser einzigartiger Kirchenbau  erhalten und seine Tradition weitergegeben. Das verpflichtet uns gegenüber den nachfolgenden Generationen. Die evangelische Kirchengemeinde Probsteierhagen trägt mit ihrem historischen Gebäude und den darin befindlichen Kunstschätzen eine hohe kulturelle Verantwortung. Die Kirchengemeinde nimmt diese Herausforderung in vielfältiger Weise an. So wurde 1993 der „Verein zur Erhaltung der historischen Orgel und zur Förderung der Kirchenmusik in Probsteierhagen“ gegründet, der sich der Musikpflege in der Gemeinde und dem wertvollen historisch bedeutsamen Instrument widmet. Am 26. Februar 2009 folgte die Gründung des „Vereins für den Erhalt der St. Katharinen-Kirche zu Probsteierhagen“. Zweck dieses Vereins ist es, einen finanziellen und ideellen Beitrag zur Erhaltung und Ausstattung der St. Katharinen-Kirche zu leisten.

Wenn Sie diese wichtigen Anliegen unterstützen wollen, dann freuen wir uns, wenn Sie Mitglied werden oder unsere Arbeit durch Ihre Spende unterstützen.

 

Förderverein Kirchenmusik:
Auskünfte: Kantor Roman Reichel, Tel.: 0431/5927943
Spenden:      Förde Sparkasse Kto 184005825 BLZ 21050170                     Raiba Kreis Plön Kto 492795 BLZ 21064045

Verein für den Erhalt der St. Katharinen-Kirche zu Probsteierhagen e.V.: Auskünfte: Vorsitzender Horst Perry, Tel.: 04348/1239
Spenden: Förde Sparkasse      Kto. 1400062509, BLZ.21050170                                                    IBAN: DE46210501701400062509

           VR Bank
Kreis Plön     
Kto.   7490  0003
                                         BLZ    213 90008
                                         IBAN:  DE2921390007490003

 

Unsere alten Glocken mit neuem Klang

Zu Himmelfahrt am 19. Mai 1955 läutete unsere in den Kriegswirren in Hamburg stark beschädigte und jetzt reparierte Glocke von 1750 nach 13 Jahren Abwesenheit wieder in unserem Kirchturm. In der letzten Woche, in Ihrem 260. Lebensjahr, erhielten sie und die beiden anderen Glocken, die im Jahr 1964 aus einer großen Leihglocke aus Wiegandsthal in Schlesien umgegossen worden waren, neue Joche aus Eichenholz, die für die Stahljoche ausgetauscht wurden, und neue "weichere" Klöppel.Zugleich ist die Glocke von 1750 als größte Glocke auch in den größten Glockenstuhl umgehängt worden.Durch die neue Aufhängung in den Eichenholzjochen, wobei die historische Glocke um 90 Grad gedreht wurde, den neuen Klöppeln und einer neuen Electronic der Läutemotoren wird neben einem schonenden Läuten auch ein wärmerer Klang erzielt.
All`diese Maßnahmen waren erforderlich, da hauptsächlich an der alten Glocke starke Abnutzungserscheinigungen am Schlagring und am Joch aufgetreten waren, so daß die Gefahr des Springens der Glocke bestand.
Der Verein zur Erhaltung der St. Katharinen-Kirche zu Probsteierhagen e. V. hat diese Sanierungsmaßnahmen 
mit 4000 Euro Spendengelder
unterstützt und wird als Dank für alle interessierten Bürger des Kirchspieles eine Glockenführung in jeweils kleinen Gruppen am 17. April von 15-17 Uhr anbieten, so daß Sie aus der Nähe sehen können, wofür Ihre Spendengelder verwendet worden sind.
Horst Perry  

Unsere erste Maßnahme:

Bei einer routinemäßigen Glockenwartung  wurde festgestellt, dass unsere alte, ehrwürdige Glocke von 1750 stark reparaturbedürftig ist. Laut eines weiteren Gutachten des Glockensachverständigen der Nordelbischen Kirche wird eine sofortige Reparatur empfohlen um größere Schäden zu vermeiden.

Nachdem unsere Vorfahren aus allen Kirchspielorten im Jahre 1750 diese Glocke durch ihre Spenden vollständig bezahlt hatten und auch nach dem 1. und 2. Weltkrieg diese Glocke nur mit Spenden  aus der Bevölkerung wieder in unsere Kirche zurückgekommen war, sah es der Vorstand fast als seine „Pflicht“ an, diese Reparaturmaßnahme  finanziell zu unterstützen.   

Eine Glocke erzählt aus ihrem Leben
Wenn ich heute aus meinem Leben erzähle, dann muss ich zuerst mitteilen, was mir meine ältere und große Schwester erzählt hat, die sich schon 1676 in dem schweren aus Eichenholz hergestellten Glockenstuhl befand, der wiederum im 1624 ganz aus Holz erbauten Kirchturm stand. Durch zu heftiges Läuten zersprang meine größere und ältere Schwester 1690. Ihr Klang hatte dadurch viel an Reinheit verloren. 1703 zersprang dann auch noch eine kleinere Glocke, von der ich leider nichts berichten kann, so dass nun beide Glocken umgegossen werden mussten. Es entstanden eine kleinere und eine große Glocke. Im Sommer 1750 zersprang die kleinere von beiden beim Morgenläuten und aus diesem Metall wurde ich gegossen. Ein Hufner aus unserem Kirchspiel brachte die zersprungene Glocke mit seinem Pferdefuhrwerk nach Lübeck, wo ich vom Glockengießer Laurentz Strahlborn gegossen wurde. Als im August 1750 die Gesellen des Glockengießers die Lehmform zerschlugen und mich von Schmutz und Staub befreiten, erblickte ich das Licht der Welt. Jetzt glänzte ich bronzefarben in der Sonne und stolz brachte mich das gleiche Fuhrwerk wie auf dem Hinweg wieder nach Probsteierhagen. Auf meiner Außenhaut glänzten Blatt- und Zierranken mit Weintrauben, sowie die Namen meines Glockengießers, der Priorin und des Probstes des Preetzer Klosters. Viel lieber hätte ich alle Namen der zur Kirche eingepfarrten Personen verewigt gesehen. Sie haben nämlich die gesamte Summe, die für mich bezahlt werden musste, durch eine festgesetzte Kopfsteuer aufbringen müssen. Einen eigenen Namen bekam ich leider nicht.

Mein erster Tag im hölzernen Glockenturm war sehr anstrengend. Sechs Stunden mit einer jeweiligen Unterbrechung von 15 Minuten musste ich läuten, da meine Tauglichkeit auch unter Dauerbelastung geprüft werden sollte! Nachdem ich diesen Test bestanden hatte, rief ich nun gemeinsam mit meiner 1703 gegossenen großen Schwester, die mit ihrem Gewicht von 1980 kg immerhin doppelt soviel wog wie ich, und mit meiner alten kleinen Schwester von nur 21 kg alle Gläubigen zum Gebet und zum Gottesdienst.

Schon zwei Jahre später, am 13. Dezember 1752 brach bei stürmischem Wetter kurz nach Eintreten der Dämmerung ein furchtbares Feuer aus. Von 14 Häusern blieben nur 5 Häuser, die Kirche, die Organistenwohnung und das Pastorat verschont. Zwei alte bettlägerige Frauen fanden leider den Tod.

1757 traf ein folgenschweres Unglück direkt den Kirchturm, mein Zuhause. Bei einem starken Gewitter schlug der Blitz ein, und der Turm wurde stark beschädigt. Ein kurz aufflammender Brand konnte zum Glück schnell gelöscht werden. Brandspuren sind noch heute an einem Balken des Glockenstuhles erkennbar. Nur eine kostspielige Abstützung rettete den Turm vor dem Umfallen.

Noch 30 Jahre widerstand der Turm trotz starker Schieflage allen Unwettern. 1787 war dann der Turm so baufällig, dass er laut Gutachten des Landesbaumeisters J. A. Richter abgerissen werden musste. Nach einer kurzen Bauzeit zogen wir 3 Glocken in unser neues Zuhause, den aus Backsteinen gemauerten Turm, ein. Nur unser alter Glockenstuhl von 1624 blieb uns erhalten.

Wieder gingen die Jahre ins Land, ohne dass es Aufregendes zu erzählen gibt.

1794 dann das nächste Unheil. Meine große Schwester zersprang beim Läuten und der Glockengießer B. J. Beseler aus Rendsburg goss am 31. Oktober des gleichen Jahres aus ihrem Metall eine neue gleichgroße Glocke. Wiederum wurden die Kosten allen eingepfarrten Personen auferlegt.Jetzt hatte ich wieder eine jüngere Schwester, zwar ohne Verzierungen und Inschriften, aber mit wunderschönem Klang

. In Erinnerung ist mir das Jahr 1811 geblieben, als eine fürchterliche Ruhrepidemie durch die Probstei zog. 174 Personen mussten wir in diesem Jahr mit unserem Geläut zum Grab begleiten.

Aber auch die neue große Glocke zersprang mit nur 98 Jahren beim Morgenläuten im Jahr 1892. Der Glockengießer Carl Friedrich Ullrich aus Apolda goss aus ihrem Metall eine neue gleich große Glocke mit der Inschrift: „ Friede sei ihr stet’ Geläute“. Wie trügerisch diese Inschrift war, sollte sich leider bald herausstellen. Ab 1914 erschütterte der 1. Weltkrieg ganz Europa und aus Berlin kam der Befehl, dass alle Bronzeglocken, die keinen historischen Wert hatten, abgeliefert werden müssten. Der Kirchenvorstand beugte sich dem Befehl, aber der Provinzialkonservator erhob am 14. September 1915 Einspruch und wollte damit zumindest mich als historisch wertvollere Glocke retten. Aber alles Hoffen war vergebens. Am 19. März 1917 kam der Befehl, dass beide Glocken „mit Beschlag belegt“ sind. Am 18. Juli 1917 haben wir dann noch einmal um 10.00 Uhr zum Andenken unserer gefallenen Soldaten für eine halbe Stunde geläutet. Am 19. Juli 1917 wurden wir aus dem Turm herabgelassen und am 21. Juli 1917 wurde meine größere jüngere Schwester abtransportiert. Für mich gab es einen Aufschub, da nochmals Einspruch erhoben wurde, aber auch dieser wurde verworfen. Meine Abschiedsstunde kam kurz vor Kriegsende am 25. September 1918. Wie durch ein Wunder hatte ich den Krieg in Hamburg unbeschädigt überlebt. Als ich aufgefunden wurde, bezahlte die Kirchengemeinde den Metallwert zurück, den sie 1918 für mich erhalten hatte. Am 20. August wurde ich heimgeholt und an alter Stätte wieder eingehängt. Meine große Schwester aber blieb verloren. Sie ist genau wie 172 kg Zinn von unseren Orgelpfeifen ein Opfer des Krieges geworden. Jetzt rief ich mit meiner kleinen Schwester, die wegen ihres geringen Gewichtes von 21 kg nicht unter das Abgabegesetz gefallen war, wieder gemeinsam zum Gottesdienst.

Aber das nächste Unheil braute sich schon wieder zusammen. Der 2. Weltkrieg begann und wir durften nur noch eingeschränkt läuten. Als dann im Mai 1940 der Befehl über die Beschlagnahme der Glocken in Kraft trat, befürchtete ich das Schlimmste. Im Mai 1942 trat es dann ein. Ich wurde nach einem Abschiedsgottesdienst abgeholt. Doch mein Schutzengel ließ mich wieder nicht im Stich. So überstand ich die furchtbaren Bombenangriffe 1942-1943 im Glockensammellager im Freihafen von Hamburg, sah aber die Stadt im Inferno untergehen. Der Krieg ging zu Ende und ich hatte, wenn auch stark beschädigt, überlebt!

Im März 1947 fand man mich wieder. Da ich auf Grund eines langen Risses nicht zu läuten war, übergab mich der Probsteierhagener Kirchenvorstand als Dauerleihgabe dem Landesmuseum in Schleswig. Dort traf ich 1949 ein. An meiner alten Stelle läutete ab 1951 eine Leihglocke aus Wiegandsthal in Schlesien, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatte wie ich. Aber auch in Schleswig fand meine Irrfahrt noch kein Ende. 1952 wollte mich das Landesmuseum aus Platzgründen einschmelzen lassen. Zuvor wurde jedoch dem Kirchvorstand von Probsteierhagen mitgeteilt, dass eine Firma in Nördlingen eine neue Technik entwickelt hatte, um einen Riss in einer Glocke zu schweißen. Und obwohl nach Kriegsende sicherlich andere Sorgen den Kirchenvorstand quälten, wollte sich dieser nicht endgültig von mir trennen. So ging ich wieder auf Reisen. Dieses Mal nach Bayern, wo ich auch wieder vollständig hergestellt werden konnte. 1953 traf ich mit der Bahn wieder in Schönberg ein. Mit einem Kranz aus Eichenlaub geschmückt, wurde ich nach Hause gebracht und. vorerst im Turmraum abgestellt In den letzten Jahren hatte sich herausgestellt, dass die Glocke aus Wiegandsthal durch unsachgemäßen Transport während des Krieges stark beschädigt worden war und mit mir zusammen nicht geläutet werden konnte.

Am Himmelfahrtstag 1955 war es dann aber endlich soweit. Ich durfte zurück in meinen Glockenstuhl, in dem ich mich seit 1750 so wohl gefühlt hatte. Die Leihglocke aus Wiegandsthal, die mich einige Jahre so gut vertreten hatte, blieb uns aber auch erhalten. Aus ihr entstanden 1964 zwei neue Glocken, die durch die Firma Bachert in Karlsruhe gegossen wurden. Jetzt hängen wir also wieder zu Dritt im Kirchturm.

Nach einem ereignisreichen Leben bin ich jetzt 260 Jahre alt. Nachdem einige Jahre vor dem 2. Weltkrieg ein elektrischer Antrieb zum Läuten eingebaut wurde, bekomme ich nur noch selten Besuch. Hin und wieder huscht eine arme Kirchenmaus über das Gebälk oder eine Fledermaus umkreist mich lautlos auf der Suche nach Insekten.  

Sollten Sie mich einmal besuchen wollen, würde ich mich freuen. Rufen Sie doch dann bitte zwecks Terminabsprache im Kirchenbüro unter der Telefonnummer 04348-91133 oder beim Unterzeichner, der meinen Lebenslauf für Sie aufgeschrieben hat, unter der Telefonnummer 04348-1239 an.

Horst Perry

Bericht zu den Särgen in der Kirche:

In unregelmäßiger Reihenfolge möchte ich für Sie Begebenheiten aus unserer Kirche und von den langjährigen Patronen unseres Kirchspiels, den Grafen Blome, berichten.

Heute beginne ich mit einer Begebenheit aus dem Jahre 1985, als unsere Kirche renoviert wurde und ihren alten Namen Katharinenkirche wieder erhielt:

Die altersschwache Heizung musste endgültig erneuert werden. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde der Ziegelboden zwischen Chor und Kirchenschiff herausgenommen. Dabei geschah es! Plötzlich ein Loch im Fußboden und darunter kam eine lang in Vergessenheit geratene niedrige Gruft zum Vorschein. Mit den hinzugezogenen Fachleuten vom Denkmalschutz wurde die Gruft untersucht, vermessen und fotografiert. Man fand einen Steinsarkophagen, zwei Zinksärge und zwei bis drei vollständig zerstörte Särge, deren Überbleibsel mit den Gebeinen in einer Ecke lagen. Es ist anzunehmen, dass die Decke nach 1742 einmal eingestürzt war. Dabei wurden diese Särge zerstört. Neben den Überbleibseln lag auch Bauschutt, der in der Eile, wie auf einem Foto gut erkennbar ist, hinter die Särge geschaufelt wurde. Es bestand bestimmt weiterhin Einsturzgefahr, denn der Sarkophag dient jetzt als zusätzliche Stütze, und viele Kalkspritzer auf den anderen Särgen zeugen von einer hastigen Bauausführung.  

                    

Im Steinsarkophag ruht Detlev Blome, der als Sohn von Wulf Blome (1651-1735) am 03. September 1687 auf Gut Hagen geboren wurde und am 18. September 1742 unverheiratet im Hamburg verstarb. Warum dieser Sarkophag nicht in der 1717 angebauten Gruft beigesetzt wurde, ist unbekannt. Wer in den beiden unzerstörten Särgen ruht, ist mir nicht bekannt, aber ein flacher Zinksargdeckel der zerstörten Särge gab ein „Geheimnis“ preis:

Auf Anordnung des Denkmalschutzes wurden die zerstörten Sargteile heraufgeholt, um sie zu entsorgen. Dies erfuhr der leider viel zu früh verstorbene ortsansässige Paul Schmidt. Wir beschlossen, diesen Deckel in seiner Werkstatt einmal genau anzusehen, denn trotz aller Verschmutzung konnte man erkennen, dass etwas in den Zinkdeckel graviert war. Nach gemeinsamer Säuberung stellten wir fest, dass in dem zerstörten Sarg Bartram Pogwisch (27.12.1540-1607) geruht hatte. Er war Besitzer der Güter Dobersdorf, Hagen und Schönhorst. Seine Frau war Ida Pogwisch, geb. Blome. Sie waren die Urgroßeltern von Lucia Blome, geb. Pogwisch, die 1646 Hinrich Blome geheiratet hatte. So ist anzunehmen, dass in den anderen Särgen in dieser Gruft die Vorfahren von Lucia Blome, ihr Ehemann Hinrich und auch sie selbst beigesetzt waren. Ob auch ihr Vater Siegfried Pogwisch, der 1626 mit 30 Jahren im heutigen südlichen Niedersachsen während des 30-jährigen fiel, hier beigesetzt wurde, ist nicht bekannt.

Beschreibung des Sargdeckels:

Auf dem oberen Drittel des Sargdeckels befindet sich ein Wappen mit dem laufenden Wolf (Pogwisch); auf der Spitze des Wappens ein Wolfskopf, der aus einem Federbusch herausragt. Über dem Wappen sind die Buchstaben „BPW“ eingraviert. Unter dem Wappen ist Jesus am Kreuz mit INRI-Inschrift und am Fuße des Kreuzes ein Totenschädel mit Gebeinen eingraviert. Der äußere Rand des gesamten Deckels ist mit kunstvollen Ornamenten ziseliert.

Inschrift des Sargdeckels:

IN DISSEM SARCKHE ROUWET DER EDLER NE... ERN VESTER BARTRAM PHOWISSCHE DER SEINEN GODT ... NEDICH SI

ICK WETH DAT MIN VORLOSER ERLEVET UND HE WERT MI NAMALS UTH DER ERDEN VPERWECKEN UN ICK WERDE DANACH MIT DISSER MINER HVD VMMEGEVEN WERDEN UND WERDE IN MINEN FLEISCHE GODT SEHEN DEN SULVVEN WERDE ICK MI SEHEN UND MINE OGEN WERDEN ENE SCHOUWEN UND ... FREMDER

ICK WILL SCHOUWEN DIN ANTLATE IN GERCHTIGHEIT ICK WILL SATH WERDEN; WE ICK UPWAKE NA DINEN BI...E STEHMEN HÖREN UND WERTH HERUD GAHN, DE GUDT GEDAHN HEBBEN THO DER UPERSTANDINGE UND DA LEVEN WOL

JESUS SPRACK: ICK BIN DES UPERSTANDINGE UND DAT LEVEN, WOL AN MI GELOVET DE WERT LEVEN WEN HE OCK REDE STORVE UNDE WOL DAR LEVET UND GELOVET AN MI DE WERT NIMMER MHER STERVEN

ANNO 1607

Unter der Inschrift befindet sich ein Wappen mit dem springenden Hund (Blome), auf der Spitze des Wappens ein Busch aus Pfauenfedern, darunter folgende Inschrift:

DIE POEWISKEN SELIGE BARTRAM NAGELATEN WEDEWE:

 

Jetzt liegt der Sargdeckel auf einem einfachen Holzrahmen genagelt auf dem Kirchenboden und wird dort in Vergessenheit geraten. Aber irgendwann wird wieder jemand den Sargdeckel in Augenschein nehmen und wohl rätseln, wie und warum dieses Überbleibsel aus lang vergangener Zeit auf dem Kirchboden lagert. An Paul Schmidt, dem wir es hauptsächlich zu verdanken haben, dass ich diesen Bericht schreiben konnte, wird sich dann wohl niemand mehr erinnern.

                                                                                                                 Horst Perry

 

 

Historie

St. Katharinen-Kirche zu Probsteierhagen,
Versuch einer Rekonstruktion

 


Begräbnisstätte der Familie Blome im Hagener Moor.

 

 

Bericht zu den Särgen in der Kirche am Ende des nebenstehenden Artikels.